Kaum eine Kunst verlangt jenen, die sich ihr verschreiben haben, so viel ab wie das klassische Ballet. Und für kaum eine Kunst ist man so schnell zu alt.

Zvetana Messerli ist 74 Jahre alt. Ihr Leben lang träumte sie davon, Tänzerin zu sein. Während sechs Jahren besuchte sie eine Balletschule, aber danach trieb sie das Leben in andere Richtungen. Aber die alte Dame kommt nicht von ihrem Traum los, Tänzerin zu sein. Und so wirbelt und dreht und schwebt sie denn in ihrem gemächlichen Tanztempo, ja beinahe in Zeitlupe, über öffentliche Plätze in der ganzen Schweiz, und tanzt von Genf über Basel bis nach Zürich. Mitunter erntet sie verwunderte Blicke, hier und dort auch versteckte Lacher. Aber Zvetana Messerli ist es sehr ernst mit ihrer Kunst. Stets tanzt sie Adagio, diese langsame, behagliche Form aus dem Barock, immer zu den gleichen Melodien. Und auch wenn andere ihre Aufführung als peinlich empfinden mögen, sie selber zweifelt nicht an ihrer Begabung. Ihr grösster Fan aber ist ihr Mann Ernest. Bei jedem Auftritt hält er den Musikrekorder, auf dem ihre zwei immer gleichen Musikeinlagen erklingen.

Die beiden leben von der AHV, und das Geld reicht kaumt für den Kauf der teuren Balletkleider, von denen Zvetana ihr Leben lang träumt. Mit dem bescheidenen Erfolg ihrer Auftritte als Strassenkünstlerin und den paar Batzen, die sie sich damit ertanzt, kann sie sich immerhin ab und zu einen Spitzenrock und vielleicht sogar ein paar Glitzerschuhe leisten.